Am Anfang stand das Gleichgewicht.
Der Dunkelheit folgte das Licht.
Die Ewigkeit traf auf den Tod.

 


PROLOG
TARIEL

Die Welt stand still. Für einen kurzen Augenblick hielt sie den Atem an und mit ihr jedes Geschöpf, das mehr Ewigkeit als Endlichkeit in sich trug. Dessen war Tariel sich sicher. Er konnte die aus dem Takt geratene Balance ganz genau spüren. Der Fehler war da, begann wie ein zweites Herz in ihm zu pochen. Von einem Moment auf den anderen hatte sich etwas verändert. Etwas, das über die Grenzen des Menschlichen hinausging und nun sie betraf, ob sie wollten oder nicht. Denn dieses Universum war nicht geschaffen für Ungleichgewicht. Alles brauchte ein Gegenstück.
Tariels Hand krallte sich in seinem hellen Hemd über seiner Brust fest. Er biss die Zähne zusammen, während er seinen Blick über die Stadt unter sich gleiten ließ. Über ihre Lichter, Brücken und die roten Dächer. Die untergehende Sonne tauchte alles in Orange, Schatten tanzten umher, der kühle Wind fegte über Tariels Gesicht. Noch immer wartete er darauf, dass der Schmerz abklang.
Diese Veränderung war anders als jene der letzten Jahrhunderte. Solche, die immer wieder entstanden. Kleinere Probleme oder Anomalien, Abweichungen, teils geführt durch Zufall, teils durch Schicksal. Fehler, die sich von selbst erledigten, die nicht nennenswert waren oder sich leicht beheben ließen.
Aber diese … diese Veränderung brachte das Gleichgewicht nicht nur in Bewegung, sie zerrte daran, begann, es zu verziehen und zu zerrütten.
Tariel fluchte ausgiebig, bevor er für wenige Sekunden die Augen schloss, versuchte, sich zu beruhigen, und atmete mehrmals tief ein und aus. Er konnte nicht glauben, dass sie es nach dieser Ewigkeit nicht besser wussten.
Ein kurzes und hartes Lachen brach unerwartet aus ihm hervor. Tariel schüttelte den Kopf und reckte das Kinn, als der Schmerz schließlich langsam verblasste. Am Ende blieb er als dumpfes, kaum wahrnehmbares Pochen in ihm zurück, wurde zu einem unguten Gefühl in den hintersten Winkeln seiner selbst. Er würde erst ganz verschwinden, wenn das Problem gefunden und das Gleichgewicht vollkommen wiederhergestellt war.

Es war unbestreitbar und konnte nur eines bedeuten: Jemand hatte sich eingemischt.

 

KAPITEL 1
MILA
zwölf Jahre später …

Milas Versprechen war gebrochen, lange bevor sie einen Fuß in ihre Heimatstadt gesetzt hatte. Voller Aufregung und Nervosität atmete sie die frische Frühlingsluft ein und genoss die zarte Gänsehaut, die sich kurz darauf auf ihren Armen bildete. Sie beobachtete den Nebel, der zwischen den Gebäuden entlangwaberte, durch die Gassen, über das Kopfsteinpflaster bis hin zur anderen Seite des Flusses. Die ersten Strahlen der Sonne brachen sich darin, erweckten die Stadt langsam zum Leben und zwangen die Schatten zurück in ihre Ecken. Die Häuser und Mauern waren aus längst vergangenen Zeiten. Jeder einzelne Stein, mit dem diese Stadt erbaut worden war, schien Mila eine Geschichte erzählen zu wollen. Es sah aus, als haftete ihnen etwas Lebendiges an, das stetig vor sich hinpulsierte und ihr zuwisperte. Etwas, das Dunkelheit und Licht verband und so viel zu zeigen hatte, wie es zu verbergen wusste: Geheimnisse, Fragen, Antworten. Diese besondere Atmosphäre konnten nur wenige Plätze dieser Welt für sich beanspruchen.
Orte wie dieser besaßen eine Seele.

Mila zog die Jacke fester um sich, schloss sie am Kragen und ließ ihren Blick ein weiteres Mal umherschweifen. Etwas in ihr erkannte diesen Ort wieder, fühlte sich ihm verbunden. Aber so sehr sie sich auch bemühte, die Erinnerungen und Bilder zeigten sich nicht, sondern hielten sich versteckt. Als stattdessen plötzlich die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf erklang, schluckte Mila schwer und presste die Lippen aufeinander.
Versprich es mir, Milena, hatte sie gefleht. Geh nicht zurück!
Nickend hatte sie die Hand ihrer Mutter noch ein wenig fester gedrückt und bereits da gewusst, dass es falsch war. Man versprach nichts, von dem man nicht wusste, ob man es halten konnte. Aber ebenso falsch war es ihr vorgekommen, ihre Mutter mit zu vielen Sorgen gehen zu lassen.
Und Mila hatte geahnt, dass es bald so weit sein würde. Sie war aus dem Schlafzimmer gegangen, durch den langen und schmalen Flur ihrer Wohnung nach hinten in die winzige Küche mit dem giftgrünen Vorhang am Fenster. Nachdem sie sich einen Tee gemacht hatte, holte sie ihrer Mutter ein Glas Wasser. Mit den Getränken in den Händen war sie zurückgegangen und noch ehe sie am Schlafzimmer angelangt war, hatte sie es gewusst. Lange bevor sie ihre leblose Mutter und deren schönes, aber eingefallenes Gesicht erblickte, hatte sie es gespürt. Hatte es gesehen. Mila war näher getreten, hatte ihre Mutter gerufen, aber sie war für immer fort. Die Leere und all die Fragen, die sie hinterließ, waren so schmerzhaft, dass Mila das Glas auf den Boden fallen gelassen hatte – und sich selbst hinterher. Ihre Mutter hatte dagelegen, friedlich und grau. So unendlich grau …
Diesen Anblick würde Mila nie vergessen.
Sie brach zusammen, brach auseinander. Bis heute.
Ihre Lippen bebten, ihr Mund war trocken, ihr Herz raste. Nun würde sie selbst herausfinden, ob es stimmte, was man sich erzählte. Dass Zeit alle Wunden heilte.
Kurz nach der Beerdigung hatte Mila ihre Sachen zusammengesucht und in der überschaubaren Wohnung Ordnung geschaffen. Das meiste hatte sie verkauft oder weggeworfen, eigentlich alles bis auf ihre Lieblingskleidungsstücke und die wichtigsten Andenken. Die Erbangelegenheiten wurden geregelt, ihre Jobs in der Bücherei und dem kleinen Café hatte sie gekündigt und die Schule abgebrochen. Das Abitur musste warten.
Sie hatte keine Familie mehr, zumindest keine, von der sie wusste. Richtige Freunde gab es auch nicht. Ein paar Bekannte, Nachbarn. Zwar hatte sie immer Freunde gewollt, aber letztlich hatte Mila nie lange verheimlichen können, was sie sah. Was sie belastete. Das hatte aus Freunden schnell wieder Fremde gemacht. Weil Mila ihnen zu seltsam war, sie ihr nicht glauben wollten oder sie schlicht Angst hatten.
Deshalb hatte sie Berlin verlassen. Sie war einfach losgezogen, hatte ihre Mutter in Gedanken immer wieder dafür um Verzeihung gebeten, und jetzt stand sie hier mit ihrem letzten ersparten Geld. Nur, um einem Gefühl hinterherzujagen, von dem sie nicht genau wusste, was es bedeutete. Ohne einen konkreten Plan, ohne Zukunft. Aber Mila wollte Antworten, sie brauchte sie wie die Luft zum Atmen. Weil sie das Gefühl hatte, ohne sie nicht vollständig zu sein. Nicht ganz sie selbst. Und wenn sie ehrlich war, war es mehr als nur ein Gefühl.
Ihr Fluch musste gebrochen werden. Er musste verschwinden. Vielleicht war diese Stadt der Ort, an dem es endlich gelingen würde.
Ihre Mutter hatte nie über ihre Heimat gesprochen, warum sie aus Praha fortgegangen waren oder weshalb sie daraufhin in Amsterdam, dann in London und letztlich in Berlin gelebt hatten. Wieso sie trotzdem regelmäßig auf Tschechisch mit ihr gesprochen und was diese Stadt ihr angetan hatte, dass sie so große Ehrfurcht, beinahe Angst, vor ihr gehabt hatte. Das war die Spitze eines Eisbergs von Fragen. Denn es gab nur eines, das Mila mit Sicherheit wusste: Dass sie weit davon entfernt war, ein normales Mädchen zu sein.
Sehr früh hatte sie gelernt, dass normal sein eine Voraussetzung war, um wirklich akzeptiert zu werden. Auch wenn ihr niemand erklären konnte, was normal eigentlich genau bedeutete. Mila war anders, das war unbestreitbar. Und das Gefühl, dass dieses Anderssein, diese Stadt und die Verschwiegenheit ihrer Mutter irgendwo in losen Fäden zusammenhingen, ließ sie nicht los, trieb sie an und schürte ihre Neugier. Gab es andere wie sie?
Die Uhr an ihrem Handgelenk stand auf kurz vor sechs in der Früh und die Müdigkeit, die Mila all die Stunden in Schach gehalten hatte, begann, sich in ihren Gelenken niederzulassen. Ihre Augen wurden schwer, sie unterdrückte ein Gähnen. Die Busfahrt über Nacht war weder schlimm noch ungemütlich gewesen, trotzdem hatte Mila keinen Schlaf gefunden. Doch da sie erst später in ihrer Unterkunft einchecken konnte, hatte ihr Weg sie gleich hierhergeführt.
Mila schob den Schmerz, die Gedanken an ihre Mutter mit aller Kraft beiseite, legte ihre Finger um den Griff des Koffers und setze einen Fuß vor den anderen. Sie zog ihn hinter sich her, den Koffer, in dem ihr ganzes Leben war.
Während Mila weiterlief und ihren Gedanken nachhing, zogen Menschen an ihr vorbei, gingen zur Arbeit, begannen ihren Alltag oder den Urlaub. Die Geräusche nahmen mehr und mehr zu, vermischten sich, aber das war ihr gleich, sie blendete sie aus.
Denn sie war am Ziel.
Mila blieb stehen, blickte hinauf zu dem Brückenturm, der über ihr aufragte, massiv und standhaft, aus altem Stein, mit gotischen Zügen und spitzem Dach. Einnehmend, beschützend und einschüchternd zugleich. Einzelne Wappen, Statuen von Königen und Symbole prangten auf der Vorderseite. Der Eingang zur Karlův most, der Karlsbrücke, die die Altstadt mit der Kleinseite verband. Mila wusste, sie war nicht zum ersten Mal hier. Wenn ihr nur die Erinnerung daran nicht fehlen würde …
Der Beweis dafür war eines der beiden kleinen Polaroids, die sie gefunden hatte. Dieses winzige Ding, das sie nun mit Bedacht aus ihrer Tasche zog.
Ihr Blick wanderte von dem in den Himmel ragenden Turm zu dem schwarz-weißen Foto in ihrer Hand. Das Polaroid, das alle verbliebenen Zweifel darüber, ob ihre Entscheidung hierher zu kommen richtig war, mit einem Schlag weggewischte. Nur zwei Fotos hatten in dieser alten verstaubten Kiste gelegen, die ihre Mutter in der hintersten Ecke ihres hässlichen Schrankes versteckt hatte. Auf der Rückseite war auf diesem Polaroid mit feiner, filigraner Schrift Praha notiert. Die Hand ihrer Mutter musste gebebt haben, hier und da waren die Linien nicht so schwungvoll und glatt wie sonst. Die Vorderseite zeigte ein kleines Mädchen, das lachend über eine Brücke lief, mit ausgestreckten Armen, wehendem Haar und unschuldiger Miene. Milena stand darunter.
Das andere Polaroid befand sich gut verstaut in ihrer Tasche. Es war komplett vergilbt und beinahe verblasst, man konnte nichts mehr erkennen außer dem Gesicht ihrer Mutter, das ihr entgegenblickte – jung und glücklich. Mila konnte kaum glauben, wie ähnlich sie ihr sah. Auf der Rückseite stand Praha, Jílovská. Ein Straßenname, den sie noch nicht hatte zuordnen können. Das waren die einzigen Fotos aus Prag, die ihre Mutter behalten hatte. Sosehr sie all dem hier den Rücken gekehrt und Mila auf dem Sterbebett dieses Versprechen abgenommen hatte, so wenig hatte sie diese Aufnahmen aus ihrer Heimat aus ihrem Leben verbannen können.
»Was ist nur passiert?«, flüsterte Mila leise zu sich selbst, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte.
Während der Koffer hinter ihr her über die Steine holperte und ihr ganzer Halt war, schritt sie durch das hohe und breite Tor. Sie trat auf die Brücke, das Polaroid in ihrer zitternden linken Hand, die von der morgendlichen Kälte gerötet war. Die Brücke lag nahezu vollständig im Schatten. Der Nebel zog sich nur widerwillig zurück, glich einer Mischung aus Watte und Rauch. Die Feuer in den Lampen tanzten einen trägen Tanz, glitten an ihr vorüber und mit ihnen die Statuen der Schutzpatrone, die beide Seiten der Brücke säumten.
Schritt für Schritt fiel Mila das Gehen schwerer. Die Aussicht, besonders über die Moldau, war beeindruckend und einnehmend. Der Nebel bedeckte das Wasser, nur hier und da glitzerte und glänzte es auf, dort, wo die Sonne es schon erreichte.
Ich bin endlich da, schoss es Mila durch den Kopf. Sie kam samt Koffer zum Stehen und legte das Polaroid über das Bild, das sich ihr bot.
Hier war es.
Mila ging in die Hocke, steckte das Foto eilig zurück in die Tasche, um ihre Hand nach dem Boden auszustrecken. Bebend, langsam, schwer atmend. Es war ein alberner Drang, doch sie konnte ihm nicht widerstehen. Sie wollte die Stelle berühren, auf der sie als Kind gestanden hatte. Also ließ sie ihre Fingerspitzen über die kalten Steine fahren, über die glatten Stellen, über die Risse und Unebenheiten, über den Dreck. Es fühlte sich richtig an. Mila betete stumm, die Stadt möge ihr ihre Geschichte erzählen und ihr anvertrauen, was sie selbst vergessen hatte. Sie schloss die Augen, gestattete sich zu träumen. Ihr Kopf fiel leicht nach vorne, ebenso ihr dickes Haar, und der Wind strich über ihren Nacken.
Ich bin zu Hause.
»Jsou v pořádku?«
Jemand berührte Mila so unerwartet an der Schulter, dass sie vor Schreck beinahe ihren kompletten Halt verlor. Gerade rechtzeitig riss sie die Augen auf, verlagerte ihr Gewicht und stützte sich kräftig mit der Hand auf dem Boden ab. Ein Mann mittleren Alters hatte sich zu ihr hinuntergebeugt, steckte seine Hände in die Taschen des abgetragenen Mantels und sah sie durch seine große, eckige Brille durchdringend an.
Geht es Ihnen gut?, hatte er gefragt.
Das Blut rauschte in Milas Ohren. Sie war so gefangen gewesen in ihren Wünschen und Gedanken, dass sie alles andere ausgeblendet hatte. Es war aufmerksam von ihm, zu ihr zu kommen, denn sie kniete mitten auf einer Brücke zu frühester Stunde. Sie zwang sich, langsamer zu atmen, sich zu beruhigen und ein freundliches Lächeln aufzusetzen. Nicht nur aufgrund seiner Frage.
»Ano, děkuji«, erwiderte sie mit belegter, aber fester Stimme und geröteten Wangen. Es geht mir gut, danke.
Der Mann nickte knapp, ging weiter seines Weges und Mila schluckte schwer. Ein Grauer. Er war ein Grauer.
Mit wild klopfendem Herzen ermahnte sie sich selbst. Sie durfte es nicht an sich heranlassen. Immer wieder rief sie sich das ins Gedächtnis. Mitleid machte sie nur traurig, Wut lähmte sie. Und beides würde dem Grauen nicht helfen. Nichts und niemand konnte das noch. Also ließ sie ihn ziehen, sah ihm nicht länger nach und bemühte sich, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen.
Zu oft verfolgte sie dieser Fluch.
Die Brücke war nun weitaus belebter, die Sonne schien heller und die Laternen brannten nicht mehr. Wie lange hatte sie dort verweilt, ohne es gemerkt zu haben?
Es wurde Zeit.
Mila stand auf, klopfte sich den Dreck von den Händen und seufzte leise. Ihre Finger versicherten sich, dass beide Polaroids in der Tasche und nicht aus Versehen hinausgefallen waren, bevor sie kehrtmachte und zurück gen Altstadt ging. Sie würde wiederkommen.
In der Nähe des Rathauses wollte sie einen Kaffee trinken oder eine heiße Schokolade, um wach zu werden und sich zu stärken, bevor sie das Hotelzimmer aufsuchte. Sie musste sich ausruhen, sie brauchte Schlaf. Anschließend würde sie die Stadt erkunden.
Irgendwo hier warteten Antworten auf sie. Alles, wonach sie suchte. Das wollte sie glauben, nein, darauf hoffte sie.
Doch sie hatte nur eine Idee, nur eine Möglichkeit, die sie wirklich weiterbringen konnte. Und die war es herauszufinden, warum ihre Mutter einen Straßennamen auf ein Polaroid geschrieben hatte, das in einer geheimen Kiste versteckt gewesen war und aus einer Zeit, aus einer Stadt stammte, die sie vergessen wollte. Jílovská. Vielleicht gab es dort Menschen, die ihr helfen konnten.
Es war ein Strohhalm, nach dem sie griff, das war ihr klar, aber sie hoffte, er würde genügen, um sie ans Ziel zu führen. Prag war ihr einziger Anhaltspunkt.
Milas Wurzeln waren hier und sie wollte sie erforschen. Wenn alles klappte, konnte sie sogar diesen Fluch loswerden. Oder zumindest endlich verstehen, woher er kam und warum er auf ihr lag.
Bald, sagte sie sich. Bald wird alles anders sein.
Tief einatmend umklammerte sie innerlich den letzten Funken Hoffnung, den sie sich bewahrt hatte.
Die Sonnenstrahlen begannen, Mila zu wärmen, und während sie zu einem der Cafés in der Nähe des Rathausplatzes schlenderte, öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke ein Stück. Die Altstadt war wunderschön, verströmte einen einzigartigen Charme. Besonders die Rathausuhr, vor der sie stehen blieb, zeugte von purer Handwerkskunst und Schönheit.
Vor ihrer Abreise hatte sich Mila vor allem über einzelne Gebäude und die Kultur ihrer Heimat erkundigt. Sie wusste, dass diese astronomische Uhr ein wertvolles Denkmal und bereits im Jahre 1410 erbaut worden war. Lange Zeit fand man darauf keine unnötige Schnörkelei oder Figuren, sondern lediglich reine astronomische Kunst. Erst später wurde ein Kalendarium darunter hinzugefügt, Kreis an Kreis. Die Uhr selbst besaß drei Zeiger. Einen für die zwölf Sternzeichen, einen für die Sonne und einen für den Mond. Die Apostel und andere Figuren setzten sich zu jeder vollen Stunde zwischen neun Uhr morgens und abends in Bewegung. Es war ein Kunstwerk, das Mila den Atem raubte. Legenden, historische Orte und Gebäude – Geschichte im Allgemeinen – faszinierten sie.
Nur widerwillig löste sie den Blick von der Uhr und setzte ihren Weg fort. Ihr laut knurrender Magen und ihre müden Augen ließen ihr kaum eine andere Wahl. Direkt um die Ecke fand sie ein kleines, charmant wirkendes Café und ließ sich dort auf einem der beigefarbenen Stühle draußen auf der Terrasse nieder.
Kaffee bekam ihr auf leeren Magen nicht besonders gut, daher widerstand sie dem Verlangen danach und bestellte stattdessen eine heiße Schokolade mit viel Sahne. Sie umfasste die Tasse, die die Kälte in ihren Fingern vertrieb, und bemühte sich, den Kakao mit leichtem Pusten abzukühlen.
Die Schokolade wärmte sie von innen, und als Mila langsam anfing, sich zu entspannen, schenkte sie ihrer Umgebung wieder mehr Aufmerksamkeit. Der Trubel hatte seinen Weg hierher gefunden. Menschen schlenderten oder hetzten die Straßen entlang, bogen ab und verschwanden, bevor kurz darauf weitere um die Ecke kamen. So viele verschiedene Gesichter und Geschichten. Nicht eines oder eine davon kannte Mila. So viel Farbe und so viel Grau. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich fast daran gewöhnt, bis ihre Mutter …
Seit sie fort war, wurde die Last zu schwer. Nur sie hatte Mila geglaubt, hatte von ihrem Fluch gewusst, ihn ernst genommen – und war trotzdem bei ihr geblieben. Niemand sonst. Niemand.
Wie konnte man das, was einem auf der Brust saß und niederdrückte, das, was einem den Atem raubte und Albträume bescherte, das, was der Welt die Farbe nahm, nicht verabscheuen? Und wie sollte nicht etwas in ihr zerbrechen, nun, da der einzige Mensch, der sie geliebt hatte, nicht mehr da war?
Wenn es um die Menschen und Dinge ging, die man liebte, war es immer etwas anderes. Es war tiefer, heftiger und schmerzhafter. Wenn man liebte, wurde alles intensiver. Milas Fluch war stets schlimm gewesen, doch als er ihre Mutter vor ihren Augen grau werden ließ, hatte sie das Gefühl gehabt zu fallen. Bis jetzt hatte sie Angst davor, niemals damit aufhören zu können.
»Du bist, wer du bist, Milena. Aber die Welt sieht das vielleicht anders. Manche Geheimnisse sollte man bewahren.«
Die Stimme ihrer Mutter hallte in ihr wider, so laut und klar, als würde sie neben ihr stehen, sie in den Arm nehmen und ihr die Worte direkt ins Ohr flüstern. Mila hatte diesen Rat nicht nur irgendwann verstanden, sondern begonnen, ihn zu beherzigen. Immer. Egal, wie weh es getan hatte. Wie weh es auch jetzt tat.
Geheimnisse waren nichts Gutes. Geheimnisse machten einsam. Das war etwas, das ihre Mutter ihr vorenthalten hatte. Aber Mila wusste, dass es genauso einsam machte, sie zu verraten. Manche Geheimnisse waren ein Fluch. Ihres war einer. Auch mit Flüchen konnte man überleben. Mila war der beste Beweis dafür.
Doch sie wollte mehr als das. Sie wollte leben.


 

Ashes and Souls erscheint am 18.09.2019 beim Loewe Verlag.

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